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Angolanische Jugendkultur: Musik- und Tanzstile

Kizomba

Kizomba ist einer der populärsten Musik- und Tanzstile im lusophonen Afrika seit den 80er Jahren, und bedeutet im Kimbundu soviel wie Fest, Tanz, Unterhaltung. Als Oberbegriff beinhaltet sie eine Reihe von Musik- und Tanzstilen: Passada, Quadrinha und Tarraxinha, wobei letztere musikalisch auch eine enge Verbindung zum Kuduru hat.
Elektronischer als Semba wurde sie aus dem karibischen Zouk, dem Sound der achtziger Jahre entwickelt, und wird bis heute von Musikern wie Irmãos Verdades, Don Kikas, Caló Pascoal und MC Roger geprägt. Diese Musik ist lauter, schneller und dynamischer, die Texte handeln jedoch meist vom alltäglichen Leben mit seinen Dramen um Liebe, Eifersucht und körperliche Reize. Kizomba ist auch in anderen lusophonen afrikanischen Ländern wie den Kapverden und São Tomé und Principé und in der Diaspora sehr populär. Der angolanische Stil wird jedoch als beherrschend und stilbildend.
Ein gepflegtes Äußeres, Markenkleidung und Luxusgüter sowie der dazu passende Lebenstil gehören zur Lebenswelt der Kizomba-Musiker. Über entsprechende CD und DVD Produktionen und Videoclips, die Geschichten aus diesem Leben erzählen, werden diese Bilder in die Öffentlichkeit getragen. Viele Musiker leben in Lissabon oder Paris, haben aber große Fangemeinden in ihren Heimatländern. Diese Musiker sind die eigentlichen Popstars Angolas, die in ihren Liedern die heile Welt heraufbeschwören, ohne Armut, Elend und Korruption. Sie präsentieren offenkundig ihren Reichtum und ihren gesellschaftlichen Stand durch Statussymbole wie Goldschmuck und große Autos, ein Leben in Hotelbars und am Strand, umgeben von schönen Frauen. Die Kuduristas hingegen pflegen ein eher rebellisches und unangepaßtes Image, in ihren Videos werden vor allem Straßenszenen, und die alltägliche Realität der Jugendlichen gezeigt.

Kizomba

Semba

Geprägt wurde Semba von Musikern wie Bonga Kwenda, Rui Mingas und Paulo Flores und Bands wie Ngola Ritmos oder Kimbadas do Ritmo.
Ngola Ritmos, bereits 1947 gegründet, fanden die Inspiration für ihre Musik in der Poesie und den Liedern des Kimbundu, der zweitwichtigsten Sprache Angolas. Sie übersetzten Texte und Melodien in eine urbane Sprache und den dazu passenden Sound, verwendeten als erste Musiker Angolas Gitarren und Schlagzeug. Nach anfänglichen Widerständen wurde diese Musik in den frühen 1960er Jahren salonfähig, und wurde zu der wichtigsten lusophonen Tanzmusik der 60er und 70er Jahre nicht nur in Angola. Auch der Unabhängigkeitskrieg gegen Portugal wurde so musikalisch unterstützt, was sich heute noch an den Texten aus dieser Zeit ablesen läßt. Einige Lieder, wie etwa Muxima, habe sich zu Klassikern der Semba entwickelt, und wird von den meisten Musikern ganz persönlich interpretiert.
Auch José Adelino Barceló de Carvalho (*1942), international besser bekannt als Bonga Kwenda, hat Muxima gesungen. Er kann als der erfolgreichste Interpret dieses Musikstils betrachtet werden, und hat Semba und Kizomba auch über die angolanischen Grenzen hinaus bekannt gemacht. Auch wenn er lange Zeit in Paris, Rotterdam und Lissabon lebte, war er über Jahre hinweg sowohl als Musiker und Produzent einer der Hauptantriebskräfte der angolanischen Musik. Er hatte keine Berührungsängste mit anderen Musikstilen wie Soukouss oder diversen karibischen Rhythmen, und entwickelte seine Musik so beständig weiter.  
In der Semba stehen eindringliche und schwebende Melodien, perlende Gitarrenläufe und sanfte Rhythmen im Kontrast zu den Texten, die die Gewalt und das Blutvergießen der Jahrzehnte des Unabhängigkeits- und folgenden Bürgerkriegs beschreiben. Meist verfasst in Calao, der Umgangssprache Luandas, die sich aus Portugiesisch und Kimbundu zusammensetzt, drücken sie das Leid, die Trauer und doch auch die Hoffnung auf Frieden der Menschen aus.

 

Semba

Kuduru

Kuduru

Es heisst, dass Kuduru im Stadtteil Malange in Luanda von Tony Amado (Kuduru Luandense) "erfunden" wurde, dann aber schnell auch in die von angolanischen Migranten bewohnten Vororte Lissabons (Kuduru Lisboeta) importiert wurde. Das Verhältnis ist heute nicht ganz frei von Rivalitäten um den besseren und „authentischeren“ Stil. Während in Luanda Musiker wie DJ Znobia, Gata Aggressiva, Helder – Rei do Kuduru, Dog Murras, Normal Nada, Costuleta und die Formation Os Lambas den Sound bestimmen, sind in Portugal vor allem Buraka Som Sistema erfolgreich. 
Tony Amado ließ sich Mitte der neunziger Jahre von den zackigen Tanzbewegungen Jean-Claude van Dammes zu diesem Sound inspirieren. Sein Studio besteht nur aus einem alten Computer, mit dem er vor über zehn Jahren begonnen hat, an dieser Soundfusion aus afrikanischen und karibischen Rhythmen, sowie Techno- und Housemusik zu basteln. Seitdem wird dieser erregende, explosive Sound in den botequins, den urbanen Laboratorien, immer wieder neu erfunden.  
Kuduru ist Teil der DJ-Kultur, ist komplett elektronisch und hat mit 140 bpm einen schnellen, minimalistischen Beat. Er  zeichnet sich aus durch harte Samba- und Kilipanga Perkussion, die mit geraden Techno- und House-Rhythmen verbunden wird.
Kuduru bedeutet in Kimbundu soviel wie fester Hintern, womit auch der extrem dynamische, fordernde und teils akrobatische Tanzstil beschrieben wird, in dem kreisende Bewegungen des Beckens mit weit ausholenden Bewegungen der Beine und Arme kombiniert werden. Teils gibt es Ähnlichkeiten zum Breakdance, wobei Idee und Musik des Kuduru jedoch nicht aus dem Hip Hop kommen. Wahrscheinlich ist Kuduru basierend auf Technomusik sogar einzigartig für den afrikanischen Kontinent, da in den Jugendkulturen der anderen afrikanischen Metropolen eher lokaler Hip Hop und Reggae dominant  sind.

Tarraxinha

Tarraxinha / Tarrachinha wurde aus dem Kuduru entwickelt, indem die Musik von den DJs extrem verlangsamt (von 140 auf 95 bpm), und einzelne Passagen gesamplet und geloopt, d.h. ständig wiederholt werden. So wurde zum Beispiel der Handyklingelton Crazy Frog in the House von Jamba von DJ Dinza zu dem Hit Drim Drim verarbeitet.
Getanzt wird offensiv: so eng, langsam und sexy wie möglich. Deshalb kann man Tarraxinha im Gegensatz zu Kizomba auch nicht mit jedem tanzen.
Die Tarraxinha wird als der entkleidete Kuduru beschrieben, frei von unnötigem Ballast, mit extrem langsamen Beats und Texten voller Erotik, dazu gesättigt mit elektronischen Samples. Tarraxinha ist wörtlich die kleine Schließe, mit der Ohrringe befestigt werden können. Im Tanz wird der Partner ebenfalls ganz nah am eigenen Körper festgehalten, Sinnlichkeit und Erotik verkörpert sich. Der Mann nähert sich der Frau, greift ihre Hüfte, während sie ihre Hände um seinen Hals schlingt. Die Körper wie aneinanderklebend, überlassen sie sich der Musik und bewegen vor allem ihre Becken – kreisend, fordernd und schamlos – oder besser gesagt: mit ihren eigenen Vorstellungen von Moralität und Schamgefühl. Eine fast schon gewalttätige Erotik – die Frau schraubt sich in den Körper des Mannes, und nähert sich immer mehr den langsamen Bewegungen seiner Hüfte. 
Die ältere Generation kann weniger Gefallen an dieser Musik und diesem Tanzstil finden. Kritiker sprechen über die hauchdünne Grenze zwischen Tarraxinha und Tabledance, die Anstößigkeit und Schamlosigkeit der Jugendlichen. Aber in der Tarraxinha werden keine Kleider abgelegt, sie ist reine Provokation, in der Abgrenzung und die Verteidigung des eigenen Raums nicht aufrechterhalten werden können.

Tarraxinha

 

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